pro trahere - Zeichnen als Entwurf

Dauer:
2. September bis 14. Oktober 2018
Eröffnung:
Sonntag, 2. September 2018 - 15:00 Uhr
Pressemitteilung:

Zu ihrem 15-jährigen Bestehen präsentiert die KunstMühle Mürsbach mit „Pro-trahere – Zeichnen als Entwurf“ eine Ausstellung, die die vielfältigen Beziehungen asiatischer Künstler mit Deutschland beleuchtet, und zieht damit eine Linie von Beijing und Tokyo bis nach Berlin und Bamberg.

Zur Eröffnung spricht Thomas Eller, Peking.

Die Ausstellung wirft einen Blick in die Ateliers der beteiligten Künstler, 古川あいか Aika Furukawa, Giovanni, 何建 He Jian, 王龙兴 Wang Longxing und 王书刚 Wang Shugang und präsentiert hauptsächlich Zeichnungen, aber auch Skulpturen, Installationen, Wandmalerei und Künstlerbücher.
 

Zeichnung wird in der Ausstellung nicht so sehr als Medium oder künstlerische Technik verstanden. Das Ziehen einer Linie aus einem Punkt – pro-trahere, Lat. – ist der Wortstamm für unser heutiges Wort „Portrait“.

„protractiones“ waren im Allgemeinen Entwurfszeichnungen für architektonische Details, bevor es in der italienischen Renaissance zu einer Bedeutungsverschiebung hin zu unserem Begriff von „Portrait“ kam. Dass Zeichnen nicht nur „Beschreibung“, sondern auch „Entwurf“ in einem übergeordneten Sinne bedeuten kann, der über Kulturgrenzen hinweg verstanden werden kann, ist Gegenstand der Ausstellung.

Interessanterweise wird im Mandarin-Chinesisch kein Unterschied gemacht zwischen „Zeichnen und Malen“, beides ist 作画. 作 bedeutet „machen“ und 画 bedeutet Kunstwerk, und damit einen ganz anderem Umgang im künstlerischen Umgang mit Realität. Entwurf, Realisierung und Bildgegenstand werden zu einer Einheit verschmolzen.

Wenn man also künstlerische Arbeit als (Lebens-) Entwurf verstehen kann und nicht als Realitätsbeschreibung, dann treffen sich die Künstler der verschiedenen Herkünfte und Generationen an einem Punkt, von dem aus sie ihre jeweils eigenen Entwürfe ziehen: es sind menschliche Wünsche, Hoffnungen und auch Konflikte, die sich in den Werken widerspiegeln.

古川あいか Aika Furukawa

lebt in Leipzig und Tokyo. Ausgehend von den kleinen Dingen des Lebens, Stoffe, Textilien, entwickelt sie Muster die über sämtliche Formatgrenzen hinweg Linien aus dem Bild heraus in den Raum ziehen und sich als Wandmalereien und Installationen materialisieren. „Der Raum in Furukawas Arbeiten ist ein spiritueller, innerer Raum“, schreibt der Kunsthistoriker Maximilian Rauschenbach.

 

Giovanni Herrmann

Ist einer der alten Meister Bambergs. Mit Lebensstationen in Köln, Düsseldorf und Basel, hat ihn sein Lebensweg nach Bamberg gezogen. Er ist einer der großen Zeugen von transatlantischer Kunst-

geschichte, die zum Teil im Rheinland geschrieben wurde. Dort hat er mit Künstlern wie Sol Lewitt gearbeitet, der für seine minimalistischen Wandmalereien berühmt ist. Giovanni ist ein obsessiver Zeichner, der seine Wünsche und Energien in seine hundertfachen Buchprojekte fließen lässt.

何建 He Jian – Peking

hat in Kassel studiert und lebt in Peking. Während seiner Studienzeit war er zweimal im Team der documenta beschäftigt und hat seine Erfahrungen aus Deutschland zurück nach China gebracht. Seine stillen Zeichnungen und Bilder sprechen von mysteriösen, zweideutigen Räumen. Die Unsicherheit von der sie sprechen ist eine der Lebensrealitäten, die man in China erfahren kann.

龙兴 Wang Longxing

lebt in Yanjiao, einer kleinen Stadt im Westen von Peking. Er ist Autodidakt. Seine Jugend war geprägt von Straßenbanden und Kämpfen. Er hat sich zuerst in die Kampfkunst zurückgezogen und danach in der Suche nach chinesischer Geschichte das Schwert mit dem Pinsel getauscht. In vielen seiner Bilder finden sich Neuinterpretationen berühmter Gemälde aus der Tang-Dynastie.

 

书刚 Wang Shugang

ist in Bamberg kein Unbekannter. Er lebt und arbeitet in Peking und Berlin. Seine teils von feinem Humor aber auch von beißender Ironie durchzogenen Arbeiten speisen sich aus seiner Lebenserfahrung in China zum Ende der Kulturrevolution hin zu einer turbokapitalisierten Digitalgesellschaft.  Wang Shugang sucht dazwischen nach Spuren von Menschlichkeit.